Für das neue Forschungsprojekt "Islamic Finance" ist auf Grund der Vielfalt des Themas ein eigenes Online Journal entstanden.

Dieses finden Sie hier: "ISLAMIC FINANCE".

Donnerstag, 7. Juni 2007

Islamismus in Südasien XV


Die Bedeutung der Teilung für den islamischen
„Fundamentalismus“ III


Kontra Separatismus: Jamî`at-e`Ulamâ-ye,
Nadwat al-`Ulamâ

Unter den Teilungsgegnern befinden sich vor allem die traditionellen Gelehrten wie die „Jamî`at-e`Ulamâ-ye“ (Vereinigung der Gelehrten Indiens). In ihr konstituieren sich die führenden deobandischen Gelehrten und publizieren in eigenen Medien. Für ihre Haltung führt Malik auch ökonomische Gründe an:

„…Postulate eines multi-religiösen, säkularen Indiens (z.B. milla), wofür sich die meisten Islamgelehrten ausgesprochen hatten, da sie traditionsgemäß noch über Ländereien verfügten, die ihre Vorfahren von den Mogulkaisern erhalten hatten“ (Malik, 1998, S.301).

Gegen die Teilung spricht sich auch der Nadwat al-`Ulamâ (Rat der Islamgelehrten) aus. Dieser 1892 gegründete Dachverband der muslimischen Bildungseinrichtungen mit über die Landesgrenzen hinausreichendem Einfluss, wird heute von Abûl Hasan `Alî Nadwî geführt, der die Leitung von seinem Vater übernommen hatte. Dieser fordert die „Jamâ at-e Muslimîn“, also eben die Gemeinschaft der Muslime und nicht die islamische Gemeinschaft. Der Verband lehnt sich ab 1919 an die Missionsbewegung „Tablighi Jamat“ an, die im Gegensatz zu den „Jamaat-i-Islâmî“ nicht die territoriale Exklusion sondern ein über die Staatsgrenzen hinausgehendes Religionsverständnis zu Grunde legt.

Der zentrale Unterschied in der Auslegung wird hier deutlich. Die Gegner und bis 1942 auch Maudûdî vertreten das traditionelle „Millat-Konzept“. Dieses geht nicht von einem „territorialen Nationalismus“ sondern einem „vereinigten Nationalismus“ aus. In dieser Konzeption konstituieren die Muslime in einem Territorium eine religiöse Vereinigung unter mehreren (vgl. Malik, 1998, S.300). Festzuhalten bleibt das nach der Etablierung der beiden Staaten, für den religiösen Diskurs eine neue Bezugsgröße entstanden ist.

„Zudem war der Großteil der Muslime im neuen unabhängigen Indien zurückgeblieben, da seine wirtschaftliche Grundlage in der einen oder anderen Form an Landbesitz gebunden war – entweder Landarbeiter oder als Landbesitzer“ (Malik, 1998, S.301).

Der als Minderheit in Indien verbliebene Teil der Muslime und ihre religiöse Elite können aus ganz praktischen Gründen nicht von der „Millat-Konzeption“ abweichen. Denn nur in einem säkularen Indien mit Minderheitenschutz können ihre Interessen gewahrt werden. Eine islamische Nation auf indischem Territorium ist politisch nicht durchsetzbar. Der neue Staat Pakistan hingegen, benötigt die Ideologie der „universalen islamischen Nation“ als Konstituierungskonzept. Für die Analyse des islamischen „Fundamentalismus“ muss somit neben der Heterogenität der muslimischen Gemeinschaft und dem dominanten kolonialen Sektor, auch die zwischenstaatliche Komponente als Faktor berücksichtigt werden.

„Der eskalierte Konflikt zwischen Hindus und Muslimen sollte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, weil er als wirklicher und nicht nur phantasierter Konflikt auch eine zwischenstaatliche Komponente mit konventioneller und gegebenenfalls auch nuklearer Kriegsgefahr hat (Indien/ Pakistan)“ (Senghaas, 1995, S.186).

Die Unterschiede in den „fundamentalistischen“ Strömungen sind auf den während des Teilungsprozesses geführten Diskurs und den daraus entstandenen Bezugsgrößen zurückzuführen. Dies stärkt die These der indigenen „Modernität“, weil sich in ihren Differenzen die unterschiedlichen Zielstellungen offenbaren. Die „Fundamentalismen“ sind der Versuch auf die divergierenden Ausgangssituationen der muslimischen Gemeinschaften in Indien und Pakistan jeweils passend zu reagieren und ihnen Zukunftsperspektiven zu eröffnen.