Für das neue Forschungsprojekt "Islamic Finance" ist auf Grund der Vielfalt des Themas ein eigenes Online Journal entstanden.

Dieses finden Sie hier: "ISLAMIC FINANCE".

Donnerstag, 3. Mai 2007

Islamismus in Südasien XI


Das Ende der indo-muslimischen Kultursynthese I


Spaltungsprozesse

Für die Bevölkerungsgruppen fand sich zu Beginn der Kolonialzeit eine unterschiedliche Ausgangssituation vor. Während der „hinduistische Teil“ große Bereiche der westlichen Lehre akzeptieren konnte, stellte für die Muslime allein die bloße Anwesenheit der Europäer ein Zeichen der eigenen Niederlage dar. Die Muslime verweigerten somit zu Beginn weitestgehend die Kooperation mit den Briten und kamen deshalb nicht für den Regierungsdienst und den Handel in Frage. Diese Einstellung verhinderte auch einen Lernprozess in Bezug auf die überlegenen westlichen Technologien.

Mit dem Beginn der Besatzung ist also eine Phase der intellektuellen Sterilität für die muslimischen Gemeinschaften zu konstatieren (vgl. Kabir, 1965, S.143). Das Eindringen des neuen Elementes in einen neunhundert Jahre andauernden Annäherungs- und Assimilationsvorgang förderte letztlich einen sich fortsetzenden Spaltungsprozess, der dem britischen Willen und Verständnis entsprach. Bereits 1817 entwickelte James Mill in seiner „History of British India“ die Idee von zwei sich gegenüberstehenden und gegeneinander abgrenzenden Gruppen. Randeria zu Folge wurde seine Arbeit grundlegend für die späteren Interpretationen der indischen Geschichte (vgl. Randeria, 1996, S. 47). Mill entwarf dabei ein dreigliederiges Schema in sich weitgehend abgeschlossener historischer Epochen.

„…eine glänzende klassische Ära (Hindu-Indien), einen mittelalterlichen Niedergang nach der ̒Moslem-Invasion und eine moderne Renaissance ist Ausdruck der Vorurteile der europäischen Aufklärung gegenüber dem Islam“ (Randeria, 1996, S. 47).

Daraus schlussfolgernd nutzte die britische Besatzung die systematische Benachteiligung der muslimischen Minderheit als politisches Instrument. Die Interpretation der historischen Ereignisse wurde von der kolonialen Geschichtsschreibung für das politische Tagesgeschäft verwertet.

„Die indische Geschichte wurde neu geschrieben, wobei man den gewaltsamen Charakter der Muslim-Herrschaft, von der die Briten die Bevölkerung befreit hätten, einseitig betonte“ (Kabir, 1965, S. 143).


Die Kolonialregierung versuchte mit der Bevorzugung des einen Bevölkerungsteils Sympathien zu erwerben und neue Feindbilder zu schaffen. Die von den Briten durchgeführten Volkszählungen veränderten zudem die Wahrnehmung, hin zu einem Hindu-Moslem Antagonismus, da ihre Einteilung in „Hindus“ und „Nicht-Hindus“ neue „erschöpfende Kategorien“ schuf.

„Die vielfachen Identitäten auf der Grundlage kulturellen Unterschiede waren im vorkolonialen Indien fließend und flexibel und keine ausschließenden und erschöpfenden Einteilungen der Welt“ (Randeria, 1996, S. 36).

In Anlehnung an die von Michel Foucault aufgezeigte Verbindung von Wissen und Macht (vgl. Foucault, 1994) zeigt sich hier folgendes: Zahlenmäßige Zuordnungseinheiten spielen im vorkolonialen Indien keine Rolle. Erst durch die Briten werden Gruppengrößen zur Basis politischer Legitimität und Macht. Die Gruppierung in Kasten und Religionen werden neben den Zählungen, auch für Anstellungen in der Verwaltung und die Zuteilung der Sitze in den Vertretungsorganen verwendet. Die Ausschließlichkeit der Kategorien wird von „außen“ an das bestehende System herangetragen. Dies zeigt sich exemplarisch in der Volkszählung von 1911, in der sich noch 200.000 Inder als „Mohammedanische Hindus“ bezeichneten (vgl. Randeria, 1996, S. 37). Der Kolonialstaat schuf somit das Wissen um die Gruppe und veränderte damit auch die Wahrnehmung der einzelnen Gruppenmitglieder.


Für die Untersuchung bleibt neben der systematischen Untergrabung der ökonomischen und kulturellen Position der Muslime auch die Förderung der Wahrnehmung einer Dichotomie zwischen den ethnischen Gruppen festzuhalten.