Für das neue Forschungsprojekt "Islamic Finance" ist auf Grund der Vielfalt des Themas ein eigenes Online Journal entstanden.

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Samstag, 7. April 2007

Islamismus in Südasien VII


Analyse der historischen Ausgangssituation


„Muslim-League“ und der „indische Nationalkongress“

Mit der Entstehung der „Muslim-League“ tratt 1906 ein neuer Akteur in den politischen Raum. Seine Existenz wurde fortan als Bündelung der muslimischen Interessen wahrgenommen (vgl. Rothermund, 2002, S. 70).

„Gegründet wurde die Liga auf Betreiben der Briten, unterstützt wurde sie insbesondere von Muslimen, die aus Eigeninteresse Großbritannien oder dem „Muslim-Nationalismus“ gegenüber loyal eingestellt waren und die Ziele des Indischen Nationalkongresses ablehnten. Ihr gelang es, eine beträchtliche Anzahl junger indischer Muslime und Mitglieder der geistigen Elite vom Unabhängigkeitskampf abzulenken“ (vgl. Encarta 99 Enzyklopädie, 1998).

Nach dem Ausbruch des 1.Weltkrieges entschieden sich viele Inder, und zwar sowohl Hindus als auch Muslime, an der Seite Großbritanniens zu kämpfen. Die Unabhängigkeitsbewegung hingegen, sie hatte sich in den ersten beiden Kriegsjahren zurückgehalten, nahm erst im Herbst 1916 ihre Aktivitäten wieder auf. Der Indische Nationalkongress und die „Muslim-League“ verfassten gemeinsam eine Erklärung mit ihren Minimalforderungen, nachdem die „Muslim-League“ nach Kriegseintritt der muslimischen Türkei auf Seiten der Mittelmächte ihre pro britische Haltung aufgeben musste. Daraufhin gab die britische Regierung im August 1917 eine politische Deklaration heraus, in der Indien eine allmähliche Selbstregierung in Aussicht gestellt wurde. So waren die Einbeziehung von Indern in der Verwaltung und die allmähliche Entwicklung demokratischer Institutionen vorgesehen (vgl. Rothermund, 1989, S. 97).

In den folgenden Jahren war der Kampf um die indische Unabhängigkeit immer wieder von Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Hindus gekennzeichnet. Im März 1931 gelang es Gandhi schließlich mit der britischen Regierung einen Waffenstillstand auszuhandeln (vgl. Encarta 99 Enzyklopädie, 1998). Im gleichen Zeitraum legte die „Muslim-League“ einen Katalog mit Forderungen nach speziellen Privilegien in der angestrebten Regierung vor. Die näher rückende Unabhängigkeit hatte die Angst vor Unterrepräsentation in einer parlamentarischen Demokratie geschürt. Im Lauf der folgenden Kontroversen kam es in vielen indischen Gemeinden zu erbitterten Kämpfen zwischen Muslimen und Hindus. Die Folgen der Zerstörung, die die Gewaltausbrüche hervorgerufen hatten, wurde noch durch die Auswirkungen der 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise verstärkt, welche die indische Wirtschaft zu Beginn der dreißiger Jahre vor große Probleme stellte (vgl. Kulke, 1998, S. 364).Von der von Muhammad `Alî Jinnâh geführten „Muslim-League“ wurde ab 1940 die Idee der Bildung eines unabhängigen Muslim-Staates propagiert.

„Auf der Sitzung der Muslim-Liga in Lahore im Frühjahr 1940 wurde eine Resolution gefasst, die die Errichtung von muslimischen Staaten forderte, Jinnah unterstützte diese Resolution mit einer Rede, in der er seine <>-Theorie verkündete. Hindus und Muslime seien nach jeder erdenklichen Definition des Begriffs zwei verschiedene Nationen. Das bedeutete, dass sie auch zwei verschiedene Nationalstaaten bilden sollten, was ein klare Grenzziehung verlangte…“ (Rothermund, 2002, S. 90).

Dieser Vorschlag stieß in den„hinduistischen“ Bevölkerungsteilen auf erbitterten Widerstand. Beim Ausbruch des 2. Weltkrieges erklärte zudem der Vizekönig von Indien, Deutschland im Namen Indiens den Krieg, ohne zuvor Rücksprache mit indischen Politikern gehalten zu haben. Einflussreiche Fraktionen innerhalb des Kongresses verstärkten daraufhin ihre Kampagne für sofortige Selbstverwaltung als Preis für die Teilnahme am Krieg (vgl. Encarta 99 Enzyklopädie, 1998). Ab dem Oktober 1940 griff der Indische Nationalkongress wieder auf das Mittel des zivilen Ungehorsams zurück. Die „Muslim-League“ sowie viele der Fürstentümer und einzelne Mitglieder des INC, entschlossen sich schließlich die Briten im Krieg zu unterstützen. Bis Kriegsende dienten etwas mehr als 1 Millionen indische Soldaten in der Heimat sowie an der Front (vgl. Rothermund, 1989, S. 110). Am 6. Mai 1944 entließ die britische Regierung Gandhi aus der Haft, worauf er im September 1944 begann mit Jinnâh Gespräche zur Beseitigung der gegenseitigen Differenzen zu führen. Da Jinnâh insbesondere darauf bestand, zunächst die Grenzen Pakistans festzulegen und dann erst über eine Übergangsregierung zu verhandeln, erwiesen sich die Gespräche als Fehlschlag (vgl. Kulke, 1998, S. 374 ff). Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges sahen sich die Briten in Indien mit weitreichenden Problemen konfrontiert.

„Die Briten sahen dem Kriegsende mit Bangen entgegen, die Unruhen nach dem ersten Weltkrieg waren noch in lebendiger Erinnerung. Die Rückkehr der welterfahrenen Soldaten, die demobilisiert werden mussten, die wirtschaftlichen Probleme, die einer Lösung harrten, stellten die britisch-indische Regierung vor eine erdrückende Aufgabe“ (Kulke, 98, S. 374).

Im Februar 1947 gab der neue britische Premierminister Attlee bekannt, dass seine Regierung die Herrschaft über Indien spätestens am 30. Juni 1948 abgeben würde. Die Erklärung zeigte den indischen Akteuren, dass die Briten das Ende ihrer Herrschaft auch ohne eine „indische Einigung“ vollziehen würden (vgl. Encarta 99 Enzyklopädie, 1998). Die Geschwindigkeit mit der die Briten den Prozess vorantrieben, erzwang ein Erstarren der Positionen auf Seiten des INC ebenso wie auf Seiten der „Muslim-League“.Es folgte am 4. Juli die Bestätigung des von Vizekönig Louis Mountbatten eingebrachten Gesetzesvorschlages zur Teilung im britischen Parlament, welchem der “Indian Independence Act”, mit Wirkung zum 15. August 1947 folgte. Dieser vollzog die Unabhängigkeit der beiden neuen Staaten Indien und Pakistan (vgl. Rothermund, 2002, S. 95).